Andreas Derutzky: „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gehe.“

ALG Andreas Derutzky

Lange Zeit arbeitet Andreas Derutzky in der Gastronomie –und hat Spaß daran. Doch ein einschneidendes Erlebnis weckt in ihm den Wunsch, Bestatter zu werden und Menschen in der schwierigen Zeit des Abschieds zu begleiten. Welche Umwege er zu seinem Traumjob genommen hat und warum Lebensfreude und der tägliche Umgang mit dem Tod kein Widerspruch sind, davon hat er bei den ArbeitsLebensGeschichten in der Schaffarei erzählt.

Sein erstes eigenes Geld verdient Andreas Derutzky als 13-Jähriger. In seinem Heimatdorf in Schlewig-Holstein spült er zunächst in einem kleinen Lokal das Geschirr, hilft schon bald in der Kaffeeecke und später auch in der Küche aus. Aus einem Tag pro Woche wird jedes Wochenende und aus den Wochenenden wird eine Ausbildung zum Koch. „Eigentlich wollte ich ja Rettungssanitäter werden“, erzählt Andreas, der schon immer etwas Soziales machen wollte. Doch weil er die Ausbildung selbst hätte finanzieren müssen, und sich das nicht leisten konnte, kommt es nie so weit. Dennoch sollte sein Wissen über Erste Hilfe einen entscheidenden Einfluss auf seinen beruflichen Werdegang haben. Vorerst jedoch wechselt Andreas in ein renommiertes Hotel und lernt dort das Kochen auf Sterne-Niveau. Mit 16 arbeitet er täglich zwölf bis 16 Stunden, der Ton ist rau, die Stimmung angespannt. Schon im ersten Ausbildungsjahr merkt Andreas, dass das nicht seins ist und möchte in den Service wechseln, doch das ist damals nicht möglich. Also zieht er die Ausbildung durch. Dass er schlussendlich dennoch im Service landet, ist Zufall.

„Mir war schon während der Ausbildung klar: In der Küche werde ich nicht bleiben, ich gehöre in den Service.“

Nach der Ausbildung bewirbt er sich zwar als Koch, doch als im Service jemand ausfällt, springt er gerne ein. Dort, im direkten Kontakt mit den Gästen, fühlt Andreas sich wohl und irgendwann ist es genau umgekehrt: Er arbeitet hauptsächlich im Service und springt in der Küche nur noch ein, wenn Not am Mann ist.

Erste Hilfe und ein letzter Atemzug

Seine Freizeit verbringt Andreas am liebsten mit Freunden. „Wir sind gerne an die Elbe gefahren“, erzählt er. Eines Abends kommt es auf dem Weg dorthin zu einem schweren Motorradunfall. Der damals 17-Jährige ist Ersthelfer. Während er alles versucht, um den Fahrer zu reanimieren, klingelt neben ihm ein Telefon. Auf dem Display steht „Schatz ruft an“. Doch der Mann atmet nicht mehr.

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Das Erlebnis beschäftigt ihn, hat jedoch vorerst keinen Einfluss auf seine Arbeit. Erst einige Zeit später wirft eine Auseinandersetzung mit seiner damaligen Chefin ihn aus seinem beruflichen Alltag. Inzwischen arbeitet Andreas in einem Ausflugslokal an der Elbe und sein zweiter Sohn ist unterwegs – ein geplanter Kaiserschnitt. Obwohl der Termin schon lange feststeht, bekommt der werdende Vater nicht frei. Bei der Geburt nicht dabei zu sein, ist für ihn ist es keine Option. Also hängt er die Schürze an den Nagel – und den Job gleich mit.

Ein Zufall kommt selten alleine

Nun hat Andreas also zwei kleine Kinder und kein Einkommen. In seiner neuen Wohngegend kommt er mit einem Nachbarn ins Gespräch – darüber, dass er gerade auf Jobsuche ist und dass er am liebsten ein Praktikum als Bestatter machen würde. Wie es der Zufall will, ist der Nachbar selbst Bestatter und vermittelt Andreas ein solches Praktikum.

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Nach dem Praktikum bleibt Andreas für zwei Jahre im Unternehmen, der Job gefällt ihm sehr. Und wieder ist es der Zufall, der die Weichen neu stellt. „Mein damals bester Freund hat ein Restaurant eröffnet und brauchte einen Küchenchef“, erzählt er. Andreas will für ein halbes Jahr Starthilfe leisten und dann zurück ins Bestattungsinstitut. Doch ehe er es sich versieht, sind schon wieder zweieinhalb Jahre vergangen. Zu der Zeit hat Andreas auch sein Outing, trennt sich von der Mutter seiner Kinder und zieht nach Hamburg. Er arbeitet in Clubs und Bars, und manchmal in der Küche, findet zu sich und verschiebt seinen eigentlichen Berufswunsch erst einmal auf später: „Ich habe mir gesagt: Das machst du jetzt, bis du vierzig bist, dann wirst du wieder Bestatter.“

„Ich habe mir gesagt: Das machst du jetzt, bis du vierzig bist, dann wirst du wieder Bestatter.“

Andreas ist gut 30, als es ihn – nach mehreren Stationen und über die Empfehlung eines Bekannten – nach Vorarlberg verschlägt. Am 27. November 2016 kommt Andreas Derutzky ins Ländle, um im Alpenhotel Garfrescha in St. Gallenkirch zu arbeiten. Eine Wintersaison, so nimmt er sich vor, wird er hierbleiben. Aus einem halben Jahr am Berg werden wieder zweieinhalb. Zeit genug, um sich nicht nur in das Land, sondern auch in einen Mann zu verlieben. Sein damaliger Partner ist es auch, der ihm – im größten Stress mitten in der Hochsaison– eine Nachricht schickt, die Andreas berufliche Pläne ein weiteres Mal umkrempelt: Ein Bestattungshaus in Bludenz sucht Verstärkung. Am nächsten Tag bewirbt sich Andreas, macht wenig später einen Probetag und könnte sofort anfangen. Die Wintersaison jedoch schließt er noch am Berg ab, dann zieht er ins Tal und fängt am 2. Mai 2019 im Bestattungshaus Christoph Feuerstein, dem heutigen Bestattungshaus Espera, an.

Der Alltag als Bestatter

In meinem Job ist jeder Tag eine Wundertüte, sagt Andreas Derutzky. Und dennoch gibt es auch als Bestatter so etwas wie Alltag. Das Team trifft sich morgens um acht. Bei einem gemeinsamen Kaffee wird besprochen, was an diesem Tag zu tun ist. Während sich der Innendienst um die organisatorische Abwicklung kümmert, ist der Außendienst, in dem auch Andreas tätig ist, im Wesentlichen für die Abholung und das Vorbereiten der Leichname sowie für die Durchführung der Bestattung an sich zuständig.

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Während Bestattungen im Kalender stehen, sind Abholungen häufig nicht planbar. Deshalb gibt es auch bei Bestattern einen Bereitschaftsdienst. „Wer bei uns Bereitschaft hat“, sagt Andreas, „ist innerhalb von 30 Minuten im Bestattungshaus. Von dort aus versuchen wir innerhalb einer Stunde im Sterbehaus zu sein.“ Nicht immer eine leichte Aufgabe, da das Einzugsgebiet von Nenzing bis nach Lech/Zürs reicht. Doch egal, wo und wie jemand gestorben ist und wie stressig es an manchen Tagen auch sein mag: Ein würdevoller Umgang mit den Toten und den Hinterbliebenen in dieser schwierigen Situation Ruhe und Sicherheit zu vermitteln, ist für Andreas Derutzky das Wichtigste – schon bei der Abholung, aber auch beim Vorbereiten für die Verabschiedung und schließlich bei der Trauerfeier selbst. Natürlich gibt es auch schwierige Momente, etwa wenn jemand aus dem Bekanntenkreis stirbt oder ein Kind abzuholen ist. Das seien auch für ihn Ausnahmesituationen. Und dennoch: „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gehe“, sagt er.

„Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gehe.“

Die magische Zweieinhalb-Jahre-Grenze hat Andreas als Bestatter inzwischen längst geknackt – und für ihn steht fest: Diesen Job möchte er machen, bis er in Pension geht. Dann drängt sich eigentlich nur noch eine letzte Frage auf: Wie stellt sich ein Bestatter dereinst seine eigene Beerdigung vor? „Ich hoffe, dass ich sehr alt werden darf“, sagt Andreas Derutzky, „aber wenn es irgendwann so weit ist, wünsche ich mir, dass die Trauerfeier auch wirklich eine Feier ist. Es soll gelacht werden und man darf ruhig auch die Weißweinschorle auf dem Sarg abstellen.“

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